CTO-Meinung
Perspektiven
Wie aus „Zero Trust“ mehr als ein Buzzword wird
From Zero to Hero

Ein Kommentar von Dr. Kai Martius, Chief Technical Officer der secunet Security Networks AG

Zero Trust und Zero Trust Architectures (ZTA) sollen das neue Allheilmittel für die IT-Sicherheit zu sein. Sind sie das wirklich – oder eher fauler Zauber? Zunächst einmal ist der Begriff für mich etwas irreführend. Ich möchte nicht in einem Wolkenkratzer leben, den ein Zero-Trust-Architekt gebaut hat. Auf der anderen Seite möchte ich mich als Ingenieur nicht zu sehr über die – und das ist ernst gemeint – oft sehr kreativen Marketing-Leute beschweren, die derartige Begriffe verbreiten. Nähern wir uns dem Thema also wohlwollend und schauen wir uns an, was Zero Trust bedeuten kann und was es bedeuten sollte.

Wenn es in erster Linie darum geht, den inflationären Gebrauch des Wortes „Trust“ auf Null zu reduzieren, bin ich absolut einverstanden. Wenn es darüber hinaus bedeutet, das Konzept der Vertrauenswürdigkeit zu hinterfragen, dann: ja, bitte! Wir müssen tatsächlich Gründe dafür finden, unseren IT-Systemen zu vertrauen.

Wenn ich mir ZTA-bezogene Konzepte wie "datenzentrierte Sicherheit" ansehe, stelle ich mir vor, ich säße ich in einer supersicheren Kommandozentrale ganz oben in meinem ZTA-Wolkenkratzer. Ich hoffe, dass alles darunter sicher genug ist, dass der Wolkenkratzer nicht einstürzt. Weil ich aber nicht darauf vertraue – Zero Trust –, schaue ich manchmal in ein beliebiges Stockwerk weiter unten. Wenn ich dann eine Menge Leute herumlaufen sehe, die bröckelnden Putz reparieren und Löcher in der Wand zuspachteln, habe ich wahrscheinlich einen "Patch Day" erwischt. Das ist zunächst einmal nichts Schlechtes: Natürlich müssen wir Schwachstellen flicken, und heutzutage sind wir sehr gut darin, Löcher in der Wand im Handumdrehen zu schließen. Ein mulmiges Gefühl stellt sich allerdings ein, wenn jeden Tag jemand klingelt und ein Loch repariert, von dem man bisher nichts ahnte.

Aber lassen Sie uns ein bisschen positiver sein: Wenn gute ZT-Architekt*innen den Wolkenkratzer gebaut haben, fühle ich mich in meiner Kommandozentrale im obersten Stockwerk viel wohler. Denn sie haben daran gedacht, alle Stockwerke mit starken Stützpfeilern auszustatten. Wenn etwas zusammenbricht, gibt es eine zweite Verteidigungslinie. In der Sicherheitstechnik ist es gängige Praxis, dass man Systeme auf der Grundlage des Konzepts „Defense-in-Depth“ baut. Wann immer es möglich ist, sollte man von diesem Prinzip Gebrauch machen, schließlich kann man mit einer einzigen Säule kaum genügend Vertrauenswürdigkeit (da ist sie wieder!) herstellen. Ob die Gesamtarchitektur dann unter dem Namen ZTA läuft oder morgen schon wieder anders heißt, ist zweitrangig, denn das Prinzip stimmt. Auch Zwei-Faktor-Authentisierung (2FA) ist ein sehr gutes Konzept. Die Verwendung von virtuellen Maschinen als zweite Trennschicht um Container-Workloads herum ist ebenfalls sehr hilfreich, falls jemand Ihren Dienst angreift.

Es wäre wenig ratsam, den Zugang nur von meinem Kontrollzentrum im obersten Stock zu kontrollieren. Denn was passiert dann, wenn jemand den zweiten Stock wegsprengt?

Eine weitere Variante des ZT ist eine verteilte oder geschichtete Anordnung von Kontrollpunkten. Da es in meinem Hochhaus viele verschiedene Hausbewohner mit vielen verschiedenen Vorstellungen von "Vertrauen" gibt, wäre ein einzelner Wachmann im Erdgeschoss mit der Kontrolle überfordert. Natürlich wäre es genauso wenig ratsam, den Zugang nur von meinem Kontrollzentrum im obersten Stock zu kontrollieren. Denn was passiert dann, wenn jemand den zweiten Stock wegsprengt?

Eine grobe Zugangskontrolle am Gebäudeeingang könnte darin bestehen, eine Basisidentität zu überprüfen. Eine Kontrolle sämtlicher Pakete und Lieferungen im Erdgeschoss ist allerdings kaum möglich, da heute überall Verschlüsselung eingesetzt wird. Hier sind wir wieder beim Thema Vertrauenswürdigkeit: Wenn ein Paket von einem vertrauenswürdigen Lieferdienst kommt, kann es durchaus in den zweiten Stock geschickt werden. Letztlich sollte man das Paket sowieso nur öffnen, wenn man weiß, wer es geschickt hat. Ein guter mehrschichtiger Ansatz könnte also folgendermaßen aussehen: Rechteverwaltung auf der Anwendungsdatenschicht, Transportverschlüsselung und Client-Zertifikatsvalidierung mit TLS und eine eher grobkörnige Zugangskontrolle auf der Netzwerkschicht mit VPNs.

Manchmal muss man auch Pakete von Absendern annehmen, die man nicht kennt. Dann wäre es gut, einen Bunkerraum zu haben, der stark genug ist, um unseren Wolkenkratzer nicht zum Einsturz zu bringen, wenn etwas explodiert. Heute gibt es solche Bausteine auf der Basis virtueller Maschinen für isolierte Umgebungen.

Wenn wir also nicht mehr auf den einzelnen, übermenschlich vertrauenswürdigen Wächter im Erdgeschoss setzen, wie sage ich dann all den Kontrollpunkten (auch "Policy Enforcement Points" genannt), was wir hereinlassen dürfen und was nicht? Sicherlich ist der mehrschichtige Ansatz komplizierter zu verwalten als eine einzelne Perimeter-Firewall. Wenn ZTA-Produkte dabei helfen, die verschiedenen Ebenen im Griff zu behalten, ist das wirklich eine Verbesserung!

Was haben IT-Sicherheitskonzepte mit Wolkenkratzern zu tun? (c) Getty Images

Übrigens: Die Vielzahl von Vertrauensbeziehungen, mit denen wir es in den heutigen Architekturen und Betreibermodellen zu tun haben, wurde bereits in den 1990er Jahren in den Konzepten der multilateralen Sicherheit gut erforscht. Die Idee dahinter war, bei null Vertrauen anzufangen - und dann Vertrauensbeziehungen zwischen allen beteiligten Parteien aufzubauen, bis ein Teilnehmer bereit war, Daten mit anderen zu teilen, natürlich nur im Rahmen ausgehandelter Schutzmechanismen.

Auch im menschlichen Alltag tun wir das ständig: Vertrauen aufbauen, bis eine Beziehung vertrauenswürdig genug ist, um Daten zu teilen. Es beginnt sozusagen mit Zero Trust, aber endet mit Vertrauenswürdigkeit.

Ganz ohne Vertrauenswürdigkeit kommen wir also nicht aus. Die Frage ist: Wie stellt man sie her? Wir müssen uns einen riesigen Technologie-Stack vorstellen, der über viele Länder verteilt letztendlich von Menschen und Unternehmen aufgebaut und betrieben wird – hoffentlich auf sichere Weise. Wenn Sie sich diesen vernetzten Technologie-Stack vor Augen führen, können Sie sich vorstellen, welche Ausmaße unser bildlicher Wolkenkratzer hat.

Zum Glück ist eine Menge Arbeit im Gange, um die Situation in diesem Hochhaus systematisch zu verbessern. Eingebaut werden zum Beispiel neue felsenfeste Ziegel („Rust“, eine sicherere Programmiersprache) oder magische Türen (gut erforschte Kryptographie). Viele undurchsichtige Wände werden durch Glasbausteine (Open Source) ersetzt, die viel mehr Transparenz bieten und erkennen lassen, wie stabil eine Wand wirklich ist. Und wir beginnen, die Gesetze der Physik zu verstehen und die Statik des Gebäudes zu berechnen (mathematische Korrektheitsnachweise, automatisierte Testmethoden für Software). Nichts daran ist wirklich neu, aber durch die Vielzahl ineinandergreifender Ansätze und Technologien wird IT-Sicherheit immer praktikabler. Gleichzeitig wird das Thema immer dringlicher. So wie neue Maschinen und neues Wissen es uns erst im 20. Jahrhundert ermöglicht haben, Wolkenkratzer zu bauen, sind wir heute in der Lage, wirklich sichere IT-Infrastrukturen umzusetzen.

Als wir vor vielen Jahren angefangen haben, unseren heutigen "Weltcomputer" zu bauen – haben wir das so getan, wie wir im Mittelalter einen Wolkenkratzer gebaut hätten? Möglicherweise. Aber mit den technologischen Bausteinen und dem Wissen, das wir seit einiger Zeit haben, können wir ihn renovieren. Wir sollten unser Vertrauenslevel ständig überprüfen, messen und in Frage stellen. Wenn Zero Trust uns dazu bringt, so zu arbeiten, hat sich das Konzept schon gelohnt.

P.S.: Trotzdem werde ich mein supersicheres Kontrollzentrum im obersten Stockwerk wohl bald aufgeben und vermieten. Ich bin mir sicher, dass sich jemand finden wird, der die Aussicht genießt und sich dort immer noch wohlfühlt. Aber wir haben begonnen, einen neuen Bunker auf einem soliden Fundament zu bauen. Er besteht komplett aus stabilen Glasbausteinen. Wer kommt mit? Die Aussicht ist zwar nicht so toll wie oben auf dem Wolkenkratzer, aber man fühlt sich viel sicherer!

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