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Grenzkontrolle
Europas Grenzen im Entry/Exit System (EES)
Wenn der Passstempel digital wird
(c) secunet

Von Kathrina Meisl, Head of Customer & Strategic Projects bei secunet

Mit dem Entry/Exit System (EES) erlebt Europa aktuell eine der größten Veränderungen der Grenzkontrolle seit Schengen: Statt eines Stempels im Pass werden Ein- und Ausreisen von Drittstaatsangehörigen biometrisch erfasst – inklusive Gesichtsbild und Fingerabdrücken. Das Ziel ist klar: Abläufe effizienter gestalten, Aufenthaltsdauern transparenter machen und Identitäten zuverlässig prüfen. Das ist herausfordernd, denn an Flughäfen und Landgrenzen verdichtet sich die Lage durch mehr Reisende, mehr Prüfungen und höhere Anforderungen. Datenschutz, Sicherheit und neue Prozessschritte treffen auf Kapazitäten, die nicht im gleichen Tempo wachsen. Genau hier entscheidet sich, wie das EES wahrgenommen wird: als digitaler Fortschritt oder als neues ärgerliches Nadelöhr.

Der Passstempel verschwindet – und mit ihm ein vertrauter Moment an Europas Grenzen. Stattdessen erfassen Kameras und Lesegeräte künftig Gesichter und Fingerabdrücke. Das Entry/Exit System (EES) verspricht mehr Transparenz, bessere Sicherheit und effizientere Abläufe. Gleichzeitig stellt es Grenzkontrollstellen vor eine zentrale Frage: Wie lassen sich zusätzliche Prüfungen integrieren, ohne neue Warteschlangen zu erzeugen?

Schrittweise von der Idee an den Schalter

Das EES ist seit dem 12. Oktober 2025 live und wird schrittweise an den Außengrenzen und Flughäfen der teilnehmenden Staaten eingeführt. Die vollständige Umsetzung wird voraussichtlich bis September 2026 erfolgen. Das System zielt darauf ab, drei zentrale Herausforderungen moderner Grenzkontrolle zu lösen, auf die Schengen bislang keine Antwort fand:

1. Mehr Reisende, aber gleiche Ressourcen

Grenzstellen sollen leistungsfähig bleiben trotz zusätzlicher Prüf- und Erfassungsprozesse. Umfangreiche Belegschaftserweiterungen sind dabei jedoch nur in Ausnahmefällen möglich und greifen in der Praxis zu kurz. Entlastung entsteht vor allem dort, wo Prozesse automatisiert und Arbeitsschritte sinnvoll verlagert werden.

2. Mehr Transparenz ohne neue Wartezeiten

Das EES dokumentiert Ein- und Ausreisen digital. So lässt sich leichter erkennen, wenn zulässige Aufenthaltsdauern überschritten werden („Overstays“). Das ist ein wichtiger Baustein für Migrationsmanagement und Regelkonformität. Grenzkontrolltechnologien müssen die dafür notwendige datenschutzkonforme Erfassung ermöglichen, ohne neue Wartezeiten zu erzeugen.

3. Bessere Identitätsprüfung ohne Stau am Schalter

Die Kombination aus Dokumentenprüfung und Biometrie erschwert Identitätsbetrug und unterstützt Sicherheitsbehörden dabei, Risiken früher zu erkennen. In der Umsetzung bedeutet das für Grenzbeamtinnen und Grenzbeamte, dass sie zusätzliche biometrische Erfassungsabläufe in ihre Routinen integrieren müssen. Hierzu gehören neue Handgriffe, Geräte und Datenflüsse. Damit steigt das Risiko für Warteschlangen, wenn Prozesse nicht intelligent gestaltet sind.

KATHRINA MEISL, HEAD OF CUSTOMER & STRATEGIC PROJECTS BEI SECUNET. FOTO (C) SECUNET

 

Das EES erhöht die Anforderungen spürbar: Kameras müssen bei wechselndem Licht funktionieren, Terminals bei unterschiedlichen Körpergrößen zuverlässig erfassen, Prozesse auch im Stoßbetrieb stabil bleiben – vom Flughafen bis zur Landgrenze. Die ersten Rollout-Wochen haben bereits gezeigt, dass eine solche Umstellung am besten stufenweise gelingt, damit Technik, Flächenkonzept und Prozessdesign sauber zusammenspielen.

Flughafen Zürich setzt EES erfolgreich um - mit secunet als Technologiepartner

Wie sich das EES unter realen Bedingungen bewähren kann, zeigt ein Blick nach Zürich: Dort hat die Kantonspolizei Zürich das EES am 17. November 2025 eingeführt – unterstützt durch Grenzkontrolltechnologie von secunet. Im Zentrum stand die Herausforderung, die derzeit viele Grenzkontrollstellen umtreibt: EES-Anforderungen erfüllen und den Zusatzaufwand so abfedern, dass Abläufe stabil bleiben und Reisende nicht zusätzlich belastet werden. Um diesen Spagat in einem so lebendigen Umfeld wie dem Züricher Flughafen zu realisieren, reicht ein reiner Systemanschluss nicht aus. Die Einbindung der erforderlichen Systeme in durchdachte End-to-End-Prozesse steht im Vordergrund. Ein Schritt folgt dem nächsten.

Foto (c) secunet

Von besonderer Bedeutung ist dabei die Sicherstellung einer verlässlichen Qualität in der Biometrie, die gewährleistet, dass Gesichtsaufnahmen standardkonform und wiederholbar gelingen, unabhängig von Umfeldbedingungen. Zudem sollten nationale Infrastrukturen standardisiert sein und auf Medienbrüche verzichten, um zuverlässig und sicher mit dem zentralen EU-System zu kommunizieren. In der Praxis bedeutet dieser ganzheitliche Ansatz auch, es Reisenden zu ermöglichen, ihre Daten bereits vorab an Self-Service-Kiosken zu erfassen, um die stationären Kontrollpunkte zu entlasten.

EU-Standards entscheiden über Erfolg oder Frust

Ein wesentliches Element des EES ist die europäische Standardisierung. Ohne gemeinsame Standards bleibt das EES ein Flickenteppich. Mit ihnen wird es zum Fundament für künftige Anforderungen in der europäischen Grenz- und Identitätsarchitektur. Der Hintergrund ist pragmatisch: Grenzstellen benötigen Lösungen, die von vornherein standardkonform, modular und skalierbar sind und sich nahtlos in bestehende IT- und Betriebsumgebungen integrieren lassen. Die europäische Standardisierung ist also der entscheidende Erfolgsfaktor für EES. Sie stellt sicher, dass nationale Systeme über das National Uniform Interface (NUI) interoperabel mit dem zentralen EES verbunden sind und unter der operativen Verantwortung von eu-LISA effizient betrieben werden. So bleiben nationale Grenzinfrastrukturen sicher, interoperabel und zukunftsfähig.

Von der Planung in die Umsetzung: secunet als Partner „beyond EES“

secunet unterstützt Grenzbehörden und Flughafenbetreiber in ganz Europa seit vielen Jahren beim Aufbau moderner Grenzkontrollinfrastrukturen an Luft-, Land- und Seegrenzen. Um diese so auszustatten, dass sie nicht nur EES-konform, sondern auch dauerhaft zukunftssicher sind, müssen Planung und Betrieb konsequent entlang weniger, entscheidender Hebel gedacht werden. Genau hier setzt secunet als Partner „beyond EES“ an.

Ein erfolgreiches EES entsteht nicht am Schreibtisch, sondern im Zusammenspiel aus Prozess, Technik und Betrieb, entlang der einzelnen Ein- und Ausreiseschritte. Vorerfassung, biometrische Aufnahme, Identitätsprüfung und behördliche Entscheidung müssen sauber orchestriert und in einen durchgängigen, intuitiven Ablauf übersetzt werden.

Automatisierte Grenzkontrolle mit dem secunet easygate am Flughafen Zürich. Foto (c) secunet
  • In Zürich etwa werden Reisende über secunet easykiosk frühzeitig in den Prozess eingebunden: Daten lassen sich vorab erfassen, die Zeit am Schalter sinkt, der Durchsatz steigt. Für die anschließende Erfassung biometrischer Daten zählen Qualität und Geschwindigkeit, denn jede Wiederholung erzeugt einen sofortigen Rückstau.
  • Dafür sorgt auch secunet easytower mit der Möglichkeit einer schnellen, nutzergeführten Gesichtsbilderfassung in verlässlicher Qualität, auch unter wechselnden Umgebungsbedingungen.
  • Wo automatisierte Grenzkontrolle sinnvoll ist, beschleunigt secunet easygate die Abfertigung durch robuste Dokumenten- und Identitätsprüfung in wenigen Sekunden, ohne Abstriche bei Sicherheitsmechanismen wie moderner Angriffserkennung auf Präsentations-, Manipulations- oder Morphingversuche.
  • Damit diese Schritte nicht als „Insellösungen“ nebeneinanderstehen, bündelt und orchestriert secunet bocoa die Prüfergebnisse und stellt sie Grenzbeamtinnen und Grenzbeamten übersichtlich für eine schnelle Entscheidungsfindung bereit.
  • Im Hintergrund verbindet secunet easyserver die Komponenten zu einer integrierten Infrastruktur und ermöglicht die sichere, standardkonforme Kommunikation mit den jeweiligen EES-Anbindungen.

So entsteht eine modulare „EES-ready“ Gesamtlösung aus dem Portfolio der secunet border gears, die bei jedem Schritt, der bei der Einreise durchlaufen wird, zum Tragen kommt. Sie ist in bestehende Grenzkontrollprozesse integriert, stabilisiert den Betrieb und erfüllt zugleich die Anforderungen an Sicherheit, Datenschutz, Performance und Konformität mit europäischen Standards.

Ein Stresstest für optimierte Prozesse

Das EES macht europäische Grenzkontrolle moderner, transparenter und sicherer. Der eigentliche Hebel liegt aber nicht im Regelwerk, sondern in der Umsetzung vor Ort. Am Ende entscheidet nicht die Technologie allein über den Erfolg des EES, sondern ihre Integration in funktionierende Abläufe. Dort, wo Prozesse durchdacht, Standards eingehalten und Nutzer früh eingebunden werden, entsteht ein echter Fortschritt für Behörden wie für Reisende. So bleiben Grenzkontrollinfrastrukturen nicht nur sicher und effizient, sondern langfristig weiterentwickelbar für künftige Herausforderungen.

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Kathrina Meisl
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